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YES WE CAN!

Ich starte gut in den Laufmonat Januar und aus einer Laune heraus schlage ich einem Laufkollegen folgende Challenge vor: wer am Ende des Monats mehr Laufkilometer angesammelt hat, ist der Champion und erhält als Preis eine Flasche Bier. Diese wahnwitzige Idee muss mir der Teufel eingeredet haben!

Über drei anstrengende Wochen liegen vor mir, in denen ich viel Lehrgeld zahle, aber auch unglaublich an Erfahrung und Schmerzen gewinne. Ich starte mit 22 km Vorsprung (also wie im Golfsport mein Handicap, da ich erwartungsgemäß der schwächere Sportler bin) – aber die erste Erfahrung ist, dass so ein knapper Vorsprung nichts zählt. Mein nächstes Lehrgeld: nimm dir während der Challenge nichts vor, denn als ich an einem Samstag Richtung Ansbach fahre, um zwei Vintage-Sessel abzuholen, die ich bei Ebay gekauft habe, spult mein Kontrahent mal so eben 40 km ab und verwandelt meinen Vorsprung in einen Rückstand. Meine nächste Erfahrung: Kleinvieh macht auch Mist. Also nutze ich jede erdenkliche Gelegenheit, ein paar Kilometer zu Fuß zurückzulegen (wobei nach Regelwerk das Minimum 5 km beträgt) – ich gehe zum Gottesdienst hin und zurück, mache vom Parkplatz zum Büro unglaubliche Umwege und walke zu Parties (was sowieso sinnvoll ist, wenn ich etwas trinken will). Schnell mache ich die Erfahrung, dass Kleinvieh doch nichts bringt, wenn dein Gegner ohne Probleme 19 km rund um den Tegernsee rennt. Also ändere ich meine Taktik: zwei Wochen vor Ende der Challenge renne ich jeden Tag 20 Kilometer – und schaffe das immerhin siebenmal innerhalb von acht Tagen! Da zehre ich von meiner Erfahrung von langen Radtouren: auch wenn du abends mit schmerzenden Beinen zu Bett gehst, versagen sie dir morgen trotzdem nicht den Dienst. Ich probiere alle Salben aus, die ich zu Hause habe, nehme öfters ein heißes Bad und esse wieder mehr Fleisch: ein Sportler braucht Proteine. Es ist klug und Kräfte sparend, wenn ich statt 20 km nur 19,5 km renne, denn die werden aufgerundet. Und es ist ratsam, nur noch im ebenen Neckartal zu rennen statt über Stock und Stein im Kleinen Odenwald. Es ist ein spannendes Kopf-an-Kopf-Rennen: jeden Tag wechselt die Führung zwischen den beiden ehrgeizigen Sportlern!

Die Idee mit den 20-km-Läufen bringt aber die Wende: denn mein Wettkampfpartner ist über diese Leistung überrascht und wartet vergeblich auf meinen Einbruch – aber ich renne unbeirrt weiter. Mir kommt nämlich entgegen, dass ich sehr frei über meine Zeit verfügen kann und alle unwichtigen Termine verschiebe: so habe ich genug Zeit, um schön langsam meine Kilometer abzuspulen. Und dann kommt die wichtigste Erfahrung: es ist ein Unterschied, ob du vom Gegner gejagt wirst oder ihn jagst und immer ein Stückchen voraus bist.

Die letzten Tage werden hart, da mein Laufpartner trotz Rückstand nie aufgibt und mir alles abverlangt. Die letzten drei Wettkampftage bieten ein furioses Finale, in dem jeder mehrere Laufeinheiten am Tag und Dutzende Laufkilometer abspult. Sogar am Deadline Day gehe ich nachts um zehn nochmal auf die Piste, um einen hauchdünnen Vorsprung ins Ziel zu retten. Am Ende sind wir zusammen über 800 Kilometer in einem Monat gerannt und haben uns einen spannenden Wettkampf geliefert, so dass ein Sieg zweitrangig wird. Wenn ich bedenke, das der Preis dieser Challenge nur eine einzige Flasche Bier ist, dann ist dieses eine Bier wohl das gesündeste der Welt, das je getrunken wurde!


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