Nebel des Grauens

Sonntag: halb acht Uhr früh. Schaudernd trete ich auf den Balkon. Das Tal ist nebelverhangen, kaum vermögen die ersten Sonnenstrahlen diesen Vorhang zu durchdringen. Mir kommen die düsteren Edgar-Wallace-Krimis meiner Kindheit in den Sinn, in denen Mörder und Monster durch Londons wabernde Nebelschwaden schlichen. In Gedanken sehe ich auf dem Radweg schemenhaft die riesigen Gestalten freilaufender Hunde aus dem Nebel auftauchen... Ich schüttele meinen inneren Schweinehund kurz und heftig ab, schlüpfe in die Laufklamotten und stelle wenig später mein Auto an der Neckarbrücke ab.

Die Brücke zerschneidet den Nebel. Außer mir queren sie nur Autofahrer auf der Suche nach Sonntagsbrötchen. Da! Im Nebel taucht eine riesige Krähe auf. Sie klammert sich ans Brückengeländer und starrt mir keckernd aus unheilvollen Augen entgegen. Ich mache einen Satz und einen großen Bogen um sie; ungerührt bleibt sie hocken und krächzt mir triumphierend nach. Noch einmal davongekommen!

In Diedesheim renne ich unter der Hochstraße. Zwar hält sie den Nebel fern, doch das Echo meiner hallenden Schritte wird tausendfach zurückgeworfen und treibt meinen Herzschlag angstvoll in die Höhe. Hinter jeder S

äule wähne ich schaurige Gestalten auf mich warten! Den ersten begegne ich aber erst am Ende der Hochstraße: ein älteres Pärchen mit winzigem Hündchen, vor dem nicht einmal meine Katzen Angst hätten. "Braver Hund!", rufe ich im Vorbeilaufen. "Alt!", ruft die Hundemutti.

Noch ein paar Windungen, dann bin ich wieder direkt am Neckar, und wie von Zauberhand bewegt sind alle Nebel weggewischt. Die Wiesen glitzern silbrig im Tau, von beiden Seiten leuchten die herbstgoldenen Wälder und von fern dräut der Turm der Götzenburg schwarz vor hellen Sonnenstrahlen. Da hält mich die nächste Hundedame an und fragt ganz aufgeregt, ob ich auch das mysteriöse Auto gesehen hätte, das verbotenerweise über die Wirtschaftswege bis an den Neckar gefahren sei, kurz verharrt und dann schnell davongefahren sei. Sofort springt unsere Tatort-Fantasie an und wir mutmaßen die scheußlichsten Verbrechen. Vielleicht wollten sie eine Leiche im Neckar verschwinden lassen, vermute ich. Doch es fehlt der Nebel, um meinen Worten Schauder zu verleihen; so lachen wir gemeinsam und ich renne weiter: noch schöne 10 Kilometer den herbstlichen Neckar auf und ab. Am Auto angekommen bin ich heilfroh, den inneren Schweinehund besiegt zu haben.

Und die Moral von der Geschicht?

Fürchte dich vor Nebel nicht!

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