Fisch und Donner!

Der Tag danach: Andi fasst noch einmal die Erlebnisse seines 100-Kilometer-Laufs zusammen:


Wo soll ich denn nach dem gestrigen Tag am besten anfangen? Es war einfach unglaublich. Doch nun am besten der Reihe nach. Auch wenn es für Gunnar unvorstellbar ist, war der Fisch zum Frühstück eine sehr gute Idee: er hat geschmeckt und viel Energie gegeben. Daher lief das Rennen auch vom Start weg perfekt nach Plan. Die ersten 31 Kilometer zurück zum Ausgangspunkt (Start- und Zielgelände) habe ich knapp zehn Minuten schneller als geplant zurückgelegt und schon früh angefangen, viel zu trinken, um gut durch die Hitze zu kommen. Auch der weitere Rennverlauf verläuft absolut nach Plan. Erst beim Abstieg von der Hörndlwand bin ich zum ersten Mal langsamer gewesen als gedacht. Dies hat allerdings auch einen guten Grund: Der Abstieg ist sehr steil und man muss mit höchster Vorsicht bei der Sache sein. Kurz nachdem ich einen anderen Läufer überhole, höre ich Steine fliegen und ein Gebüsch rascheln und sehe ihn am Boden liegen. Zum Glück ist aber nichts Schlimmes passiert und er kann das Rennen fortsetzen. Am Verpflegungspunkt (VP) Röthelmoos bei Kilometer 47 habe ich nach der ausgiebigen Verpflegung dann knapp 30 Minuten Rückstand auf meinen Zeitplan. Womit ich auch nicht gerechnet hatte war, dass ich eine Allergietablette brauchen könnte. Ich hatte sie noch aus dem Rucksack herausgenommen, da ich in den Bergen noch nie Probleme hatte. Doch scheinbar reagiere ich gegen irgendein Gras oder ein Wildkraut allergisch und leider konnte ich auf den schmalen Wegen nicht verhindern, ständig durch's Grün zu gehen. Ein Grund zum Aufgeben waren die juckenden Knie aber natürlich nicht!

So kann ich im leider sehr langweiligen Anstieg zur Jochbergalm schon wieder Zeit aufholen und bin nach dem Abstieg zum VP Kohlstadt tatsächlich schon wieder voll im Zeitplan. Dann verlangt der anschließende steile Anstieg über eine Skipiste - ungeschützt vor der Sonne - hinauf zur Mittelstation der Hochfelln-Bahn viele Kräfte! Oben erlebe ich dann aber einen der schönsten Momente des Tages: Isi wartet schon auf mich, ich kann meine Schuhe wechseln und ein kaltes Eis genießen. Auch der weitere Abschnitt bis zum Maria Eck ist schwerer als gedacht, doch ein schöner Brunnen zum Abkühlen lässt die Strapazen wieder verschwinden. So bin ich nach 72 Kilometern immer noch hoch motiviert und mir wird bewusst: heute klappt es mit den 100 Kilometern! Zwar habe ich inzwischen fast 30 Minuten Rückstand auf meinen Renn-Plan, aber auf die entscheidende Cut-Off Zeit in Egg ist genügend Puffer eingeplant.

In Egg bei Kilometer 80 stärke ich mich noch einmal ausgiebig und bin stolz, dass ich anderthalb Stunden auf die Cut-Off-Zeit gut gemacht habe. Keine Frage also, ob ich auf 85 Kilometer abkürzen oder den längsten Anstieg auf den Hochfelln in Angriff nehmen soll. Dieser Anstieg hat 900 Höhenmeter, die ich mich nun hoch quälen muss. Zu Beginn geht es immer nur leicht ansteigend hinauf und ich komme sehr gut voran. Dann kommt auch schon der Gipfel in Sicht, allerdings sehe ich nun, dass es die letzten 300 Höhenmeter nochmal richtig in sich haben. Aber es hilft nichts, umdrehen geht ja nicht. So bin ich froh, als ich den Gipfel erreiche und mich wieder verpflegen kann. Beim ersten Schluck aus der Flasche höre ich dann allerdings ein Grollen. Ein Helfer von der Verpflegungstelle und ich gehen ein paar Schritte weiter und sehen hinter dem Felsvorsprung, wie sich dunkle Wolken vom Chiemsee herauf zum Hochfelln auftürmen. Um keine Zeit zu verlieren, nehme ich nur noch schnell ein Gel zu mir und mache mich dann schleunigst an den Abstieg. Dieser ist technisch sehr anspruchsvoll und ich muss auf jeden Schritt achten. Im Hintergrund grollt es permanent: deshalb nehme ich doch Tempo auf. Als ich das hochalpine Gelände hinter mir habe und am VP Thorau nach 89 Kilometern ankomme, bin ich beruhigt. Auch der Blick zurück bestätigt diesen Eindruck. Die dunklen Wolken hängen nur oben am Hochfelln und scheinen nicht mehr weiterzukommen. So bin ich auch frohen Mutes, als ich kurz darauf mit Gunnar telefoniere, um den aktuellen Status durchzugeben. Nach dem steilen Abstieg durch den Märchenwald wartet dann Isi nach knapp 90 Kilometern nochmals auf mich. Es bleiben also nur noch 10 Kilometer! Mein Zeitziel ist doch wieder in Reichweite gekommen, weil ich mich die letzte Etappe so beeilt habe.

Keine fünf Minuten später zeigt sich dann ein ganz anderes Bild! Kurz bevor es im letzten Aufstieg des Tages hoch zur Unterergbahn in den Wald geht, sehe ich die ersten beiden Blitze in Richtung Hochfelln und plötzlich wird aus dem Grollen ein richtiger Donner. Doch dies sollte erst der Anfang für ein unglaubliches Finale werden. Obwohl es eigentlich noch gar nicht so spät ist, wird es im Wald auf einmal gefühlt stockdunkel. Das Gewitter hat mich voll eingeholt und nun blitzt es rechts, links und kracht ohne Ende. Was nun? Es sind noch knapp 2 Kilometer bis zur Bergbahn, einem sicheren Unterstand. Ich mobilisiere daher alle Kraftreserven, stürme die letzten Meter hoch und dann mit Vollgas weiter. Vollkommen aus der Puste stehe ich dann unter dem Dach, während es schüttet. Blitz und Donner wechseln sich sekündlich ab und ich weiß nicht, wie das weitergehen soll. Dabei sind es nicht mal mehr vier Kilometer bis ins Ziel.

Ich kontaktiere erstmal Isi und nach zehn Minuten ist sie mit dem Auto da. Ich sprinte durch den Regen und springe zu ihr ins Auto. Jetzt wird beratschlagt, wie es weiter gehen soll. Die letzten Kilometer müssen doch noch irgendwie zu schaffen zu sein! Ich schaue auf das Regenradar. In 10 Minuten soll die erste Gewitterzelle vorbeigezogen sein und es sind ca. 15-20 Minuten, bis die daran anschließende kommt. Also die Chance ergreifen und ins Ziel stürmen? Aber was ist, wenn das Gewitter doch schneller wieder schlimmer wird oder ich zu langsam bin? Die Strecke verläuft eigentlich noch durch Wald und einige freie Wiesenflächen. Will ich dieses Risiko eingehen? Oder eine halbe Stunde oder noch länger warten, bis es noch besser wird - oder gar schlechter? Ich entscheide mich für eine ganz andere Variante. Ich verlasse bewusst die offizielle Strecke mit der Gefahr, disqualifiziert zu werden und laufe über die Straße hinunter in den Ort. Isi fährt langsam hinter oder neben mir her, so dass ich jederzeit wieder ins Auto springen könnte, sollte die Situation sich verschlechtern. Ich gebe daher Vollgas und versuche so viel Strecke wie möglich zurückzulegen. Einen Kilometer vor dem Ziel muss ich mich dann leider von Isi trennen, da die Straße aufgrund einer Baustelle gesperrt ist. So stürme ich allein über die unebene Straße weiter und registriere erst jetzt, dass es ja ganz schön dunkel ist - ohne die Autoscheinwerfer. Kein Wunder also, dass ich noch einen Sandhaufen als letztes Hindernis mitnehme. Dann kommt die Halle in Sichtweite: das Ziel! Nur noch 400 Meter durch den Regen, es blitzt und donnert wieder und ich will einfach nur noch ankommen.

Nach meiner Uhr habe ich es dann tatsächlich geschafft und nach 16 Stunden, 22 Minuten und 16 Sekunden das Ziel erreicht. Doch es kommt trotzdem kein Glücksgefühl auf, die letzten Kilometer waren einfach zu extrem. So etwas hatte ich bisher noch nicht erlebt und es bleibt auch die Frage ob ich überhaupt gewertet werde. Ich melde mich daher bei der Rennleitung und beschreibe, wie ich gelaufen bin. Wer weiß, ob es ansonsten überhaupt jemand bemerkt hätte? Dann die große Erleichterung, ich werde offiziell gewertet, erhalte aber eine Zeitstrafe von 30 Minuten. Doch das ist mir nun vollkommen egal. Die 100 Kilometer sind endlich geschafft: dies kann mir keiner mehr nehmen! Zur Belohnung gibt`s ein bisschen Nudelsalat und im Vergleich zu Kilometer 80 ein richtiges Bier. Dann erreicht auch Isi das Ziel und das offizielle Zielfoto kann noch geschossen werden:

Auf dem Rückweg zum Hotel dann die letzte Herausforderung des Tages: Ich muss noch die Pizza aus der Pizzeria holen. Die übrigen Gäste fragen sich wohl, was mit mir nicht stimmt. Es ist nach 22 Uhr und ich stolpere mit kurzen Laufklamotten und etwas K. O. durch die Pizzeria. Aber es lohnt sich. Auf unserem Balkon genieße ich die Pizza und kann nun entspannt dem Gewitter zusehen, auch wenn ich noch in Sorge um meine Mitstreiter bin.

Und heute: Der Tag danach! Aufgewühlt von dem langen Tag, vollgepumpt mit Koffein und mit kribbelnden Muskeln war die Nacht nicht sehr erholsam und lang. Um 7 Uhr habe ich außerdem schon solch einen Hunger, dass ich mich wieder auf unseren Balkon setze und die Pizzareste weghaue. Nach dem richtigen Frühstück geht's dann nochmal hoch auf den Berg, bis dahin habe ich schon 2,5 Liter Flüssigkeit getrunken, da war wohl doch noch einiges aufzuholen. Diesmal geht es allerdings ohne große Anstrengung mit dem Lift hoch, wie entspannt das doch sein kann! Oben drehen wir dann aber eine kleine Runde und das geht ziemlich gut. Die Beine sind relativ locker, nur in der linken Hüfte zwickt es etwas. Wahrscheinlich kommt der richtige Muskelkater dann erst morgen.

Zurückblickend war es einfach ein unglaubliches Erlebnis. Trotz der Hitze konnte ich mein Rennen wie geplant laufen und hatte zu keiner Zeit größere Probleme. Auch war ich mir jederzeit sicher, dass ich es heute schaffen kann. Es hat einfach gepasst an diesem Tag. Zwar hat das Gewitter am Ende dann alles etwas durcheinander gewürfelt und der eigentliche Zieleinlauf wurde zur Nebensache, aber die 100 Kilometer bleiben stehen! Offiziell wurde es mit Zeitstafe nun eine Zeit von 16:55,40 Stunden und Platz 19 bei 30 von 100 gestarteten Läufern im Ziel. Damit bin ich vollkommen zufrieden, ohne Gewitter wäre somit meine Zielzeit von 16 Stunden auch noch in Reichweite gewesen. Aber das ist immerhin Motivation für das nächste Mal!

Zuguterletzt möchte ich mich noch bei allen Unterstützern bedanken. Vielen Dank für die vielen Nachrichten zur Motivation in den letzten Tagen und auch gestern! Insbesondere einen Dank an Angelika für die vielen Worte und die Motivation! Einen großen Dank auch an Gunnar, der mich zu dem vielen Grundlagetraining im Frühjahr gebracht hat, was sich nun voll ausgezahlt hat. Und natürlich euch super auf dem Laufenden gehalten hat!

Der größte Dank geht aber an Isi, die mir so viel Zeit zum Traning gelassen hat und auch gestern alles gegeben hat, um immer pünktlich an der Strecke zu sein und mich zu versorgen.

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